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Portrait von Peter Heine vor einem hellblauen Hintergrund mit einer Illustration einer Glühbirne im Hintergrund

Warum Europa keine Kopie amerikanischer Hyperscaler braucht, um souverän zu sein

Peter Heine, Member of the Executive Board bei Exxeta, über die Frage, warum Europas
digitale Souveränität nicht mit dem nächsten Hyperscaler beginnt, sondern mit der Kontrolle über die eigene digitale Wertschöpfung.

TL;DR

  • Europa braucht digitale Souveränität, aber nicht zwingend einen eigenen Hyperscaler als Kopie US-amerikanischer Modelle

  • Entscheidend für Souveränität sind der Betrieb und die Kontrolle von Technologie

  • Echte Souveränität entsteht im Alltag von Unternehmen: bei Plattformwahl, Integration, Betrieb und Austauschbarkeit

  • Bei KI liegen die Abhängigkeiten vor allem im produktiven Einsatz und in der Laufzeitumgebung, nicht nur im Modell selbst

  • Der digitale Mittelstand und Ansätze wie der Sachsen-Stack zeigen, wie Souveränität praktisch über offene Architekturen und Betreiberkompetenz entstehen kann

  • Politik, Verwaltung und Unternehmen sollten daher auf offene Standards, Wechselbarkeit und Kontrolle der digitalen Wertschöpfung setzen statt auf neue Lock-ins

Europa diskutiert über digitale Souveränität. Seit Jahren kreist die Debatte um dieselben Fragen: Brauchen wir eigene Rechenzentren, um wettbewerbsfähig zu bleiben? Eine europäische Cloud? Eigene Foundation Models? Einen europäischen Hyperscaler?  

Sicher ist für mich: Wir brauchen all diese Dinge. Die für mich entscheidende Frage, die ich in diesem Beitrag diskutieren werde, wird dabei aber kaum gestellt: In welcher Form brauchen wir sie?  

Europa führt den falschen Wettbewerb 

Brauchen wir eigene Rechenzentren, eine europäische Cloud, eigene Foundation Models oder einen europäischen Hyperscaler für digitale Souveränität in Europa?  

Meine Antwort: Ja, wir brauchen solche Infrastruktur – auch. Aber nicht nur und nicht als reine Kopie nach amerikanischem Vorbild. Wenn wir mit diesen Unternehmen in den Wettbewerb treten, können wir nur verlieren.  

Deswegen sollte meiner Ansicht nach nicht überlegt werden, wie wir einen großen europäischen Hyperscaler bauen können. Es sollte vielmehr gefragt werden, wie Unternehmen die Kontrolle über ihre digitale Wertschöpfung behalten beziehungsweise wiedererlangen können.  

Denn selbst wenn Europa morgen den größten Hyperscaler oder das leistungsfähigste Foundation Model hätte, wäre die eigentliche Souveränitätsfrage noch immer nicht beantwortet.  

Ich zeige in diesem Artikel, wo Europa und ganz konkret Deutschland meiner Meinung nach ansetzen müssten, um digitale Souveränität von Unternehmen zu fördern.  

Digitale Souveränität entsteht dort, wo Technologie kontrolliert wird  

Ganz prinzipiell: Digitale Souveränität entscheidet sich nicht dort, wo Technologie entsteht. Sie entsteht dort, wo Technologie kontrolliert wird. 

Genau in diesem Missverständnis liegt der Denkfehler. Die Debatte richtet den Blick überwiegend auf die Infrastruktur. Der eigentliche Hebel liegt jedoch meiner Meinung nach im Betrieb. Denn DSGVO‑Konformität schafft zwar Datenschutz, aber noch längst keine Unabhängigkeit. Auch eine europäische Hülle über einer US‑Plattform ändert nichts daran, wenn Plattformlogik, Innovationsgeschwindigkeit und wirtschaftliche Kontrolle außerhalb Europas liegen. 

Daten lassen sich verschieben. 
Kontrolle nicht. 

Technologie besitzen, heißt nicht Kontrolle haben 

Mit KI wird dieser Unterschied noch deutlicher. Die strategische Abhängigkeit entsteht nicht beim Training eines Modells, sondern vielmehr dort, wo Modelle produktiv eingesetzt werden. Wer seine Geschäftsprozesse auf fremde Plattformen aufbaut, übernimmt immer auch deren Regeln in Bezug auf Preisgestaltung, Schnittstellen, Innovationszyklen und technische Grenzen. 

Die eigentliche Macht liegt deshalb nicht im Modell. 
Sie liegt im Betrieb. 

»Digitale Souveränität entsteht dort, wo Technologie kontrolliert wird.«
Peter Heine

Warum Deutschland dem falschen Weg folgt 

Trotzdem verhandeln Politik und große Telco‑ und IT‑Konzerne digitale Souveränität weiterhin primär als Infrastrukturfrage und diskutieren über nationale Rechenzentren, europäische Clouds oder neue Hyperscaler‑Initiativen.  

Ich halte diesen Weg für gefährlich. Solange Deutschland digitale Souveränität mit neuen Telco-Clouds und Hyperscaler-Projekten verwechselt, bleibt es Betreiber von Infrastruktur, aber betreibt nicht seine eigene digitale Wertschöpfung.  

Wer nur auf neue Hyperscaler, souveräne Cloud-Labels und Telekommunikationsplattformen setzt, holt die Kontrolle nicht nach Europa. Die zentrale Steuerung von Preisen, Entwicklungszyklen und technischen Grenzen liegt dann weiterhin bei wenigen globalen Anbietern.  

Digitale Souveränität entsteht im Alltag der Betreiber 

Die eigentliche Macht liegt in meinen Augen dort, wo entschieden wird, welche Plattformen eingesetzt werden, wie sie integriert werden und unter welchen Bedingungen sie betrieben werden. Genau hier besitzt Europa einen Vorteil, über den erstaunlich selten gesprochen wird: den digitalen Mittelstand. 

Tausende Unternehmen betreiben seit Jahrzehnten kritische digitale Systeme für die Industrie, Energieversorger, Banken, Verwaltungen und das Gesundheitswesen. Sie integrieren Plattformen, verbinden Anwendungen, sichern den Betrieb und verantworten komplexe IT‑Landschaften. Dort entstehen zwar nicht die größten Plattformen. Aber dort wird entschieden, welche Plattformen eingesetzt werden, wie sie integriert werden und unter welchen Bedingungen sie betrieben werden. 

Diese Unternehmen entwickeln vielleicht keine riesigen Foundation Models. Aber sie entscheiden, welche Modelle eingesetzt werden, wie sie orchestriert werden, welche Daten sie verarbeiten, welche Sicherheitsanforderungen gelten und wie schnell sich ein Modell wieder austauschen lässt. 

Genau dort entsteht digitale Souveränität. 
Nicht als politisches Leitbild. 
Sondern als tägliche Praxis. 

»Europas unterschätzte Stärke im Kampf um digitale Souveränität ist nicht der nächste Hyperscaler. Es ist unser digitaler Mittelstand.«
Peter Heine

Sachsen‑Stack: Souveränität aus der Region 

Genau unter diesem Blickwinkel entsteht in Sachsen aktuell ein anderer Ansatz. Der Unternehmensverband Digitalwirtschaft Sachsen e.V. baut mit dem „Sachsen‑Stack“ ein Betriebsmodell, das digitale Souveränität vom Betrieb her denkt und nicht nur vom Rechenzentrum. Infrastruktur, Identitäten, Plattformdienste und KI‑Funktionen werden als zusammenhängende Betreiberarchitektur mit klarer Verantwortung für Integration, Weiterentwicklung und Betrieb verstanden. 

Für mich zeigt der Sachsen‑Stack, wie digitale Souveränität praktisch entstehen kann. Im Mittelpunkt steht hier ein regionales Betriebsmodell mit klarer Betreiberkompetenz, das sich technisch und organisatorisch auf andere Regionen übertragen lässt. 

Ziel ist nicht ein neuer Hyperscaler aus Sachsen. Ziel ist ein Stack, der Austauschbarkeit, offene Standards und Betreiberkompetenz in der Region verankert. Regionale IT‑Anbieter vernetzen sich mit Bedarfsträgern aus Verwaltung, Energie, Industrie und Gesundheit, um digitale Systeme so zu bauen, dass Komponenten austauschbar bleiben und der Betrieb unter eigenen Bedingungen erfolgt. 

Dieser regionale Ansatz lässt sich auf andere Bundesländer und Branchen übertragen. Und er zeigt, wie digitale Souveränität konkret aussehen kann, wenn vor allem die Betreiberkompetenz und Architekturfähigkeit im Vordergrund stehen.

Offene Architekturen statt neuer Lock‑Ins 

Wer nur auf „europäische Hyperscaler“ setzt, verwechselt Mittel mit Zweck. Ein eigener Hyperscaler kann Teil einer souveränen Architektur sein, aber er ersetzt nicht die Fähigkeit, Architekturen so zu bauen, dass sie wechsel‑ und widerstandsfähig sind. 

Digitale Souveränität braucht offene Architekturen statt neuer Abhängigkeiten. Austauschbare Komponenten statt neuer Lock‑ins. Plattformkompetenz statt Plattformabhängigkeit. Die Frage ist nicht, ob Europa das nächste AWS baut. Die Frage ist, ob Europa die Fähigkeit stärkt, digitale Systeme unter eigenen Bedingungen zu betreiben. 

Was CIOs und CDOs jetzt ändern müssen 

Um digital souverän zu agieren, müssen Unternehmen ihre IT‑Landschaften so gestalten, dass ein Plattformwechsel technisch, organisatorisch und vertraglich in vertretbarer Zeit möglich ist. Das ist kein Nice‑to‑have, sondern ein Governance‑Thema. Deswegen sollten CIOs und CDOs Lock‑ins als Risiko in ihre Governance aufnehmen und auf keinen Fall als Preis für Bequemlichkeit akzeptieren.

Wer den Betrieb kontrolliert, kontrolliert Wertschöpfung. 
Wer den Betrieb aus der Hand gibt, verwaltet nur noch Abhängigkeiten. 

Was Politik und Verwaltung fördern müssen 

Politik und Verwaltung sollten Betreiberkompetenz und offene Architekturen gezielt fördern: über Förderlogiken, Standards und Vergaberegeln, die Austauschbarkeit statt Abhängigkeit belohnen. Nicht der nächste Hyperscaler braucht Fördergelder, sondern die Fähigkeit, digitale Systeme so zu konzipieren, zu integrieren und zu betreiben, dass Europa jederzeit die Plattform wechseln kann, ohne seine Wertschöpfung zu verlieren. 

Statt den Wettbewerb um digitale Souveränität neu zu erfinden, sollte Europa endlich den Wettbewerb führen, den es gewinnen kann: den Wettbewerb um Betriebskompetenz, Architekturqualität und die Fähigkeit, digitale Systeme unter eigenen Bedingungen zu kontrollieren. Dazu braucht es einen leistungsfähigen digitalen Mittelstand, der souveräne Infrastrukturen mit digitalen industriellen Anwendungen verbindet. 

Der Wettbewerb, den Europa gewinnen kann 

Digitale Souveränität entscheidet sich ganz klar im Betrieb, nicht im Serverraum. Wenn Europa diese Erkenntnis zur Leitlinie macht, wird die Frage nach einem eigenen Hyperscaler plötzlich zweitrangig. 

Europa muss den Wettbewerb um digitale Souveränität nicht neu erfinden. 
Europa muss lediglich den Wettbewerb führen, den es gewinnen kann.

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